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Mediziner müssen keine Angst vor der Digitalisierung haben

Mediziner müssen keine Angst vor der Digitalisierung haben

KI im Gesundheitswesen: Ein Sprung in Richtung personalisierte Medizin und signifikante Entlastung für Ärzte
von Michael Stockhammer

Müssen Ärzte befürchten, dass sie bald durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt werden? Nein, natürlich nicht. Aber sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie in naher Zukunft durch Ärzte ersetzt werden könnten, die KI-basierte Technologien einsetzen. Das belegt auch eine im Jahr 2017 durchgeführte Umfrage im Gesundheitswesen: Laut der PwC DIQ-Umfrage planen 39 % aller befragten Gesundheitsmanager, stärker in Künstliche Intelligenz zu investieren. KI-gestützte Technologie im Gesundheitswesen ist auf dem Vormarsch. Ihr Einsatz hat in den letzten Jahren einen deutlichen Anstieg erfahren, insbesondere in der Radiologie.

Geht es darum, schnelle, genaue und personalisierte Diagnosen zu erstellen, bieten KI-Algorithmen mit ihrer Fähigkeit, große Datenmengen in cloudbasierten Umgebungen zu verarbeiten, die ideale Unterstützung für medizinische Experten. Innerhalb weniger Sekunden können Schlussfolgerungen und spätere klinische Entscheidungen durch den Zugriff auf weltweite CT- und MRT-Datenbanken getroffen werden. Lernfähige Algorithmen sind dazu in der Lage, Muster auf MRT-Aufnahmen zu erfassen, die für das menschliche Auge nicht erkennbar sind. Diese Art der Datentransparenz kann dazu beitragen, seltene oder ungewöhnliche Variationen von Krankheiten schneller und genauer zu identifizieren.

Je mehr Informationen bereitstehen, desto schneller wird sich die Entwicklung hin zu umfassenden Datenbanken und intelligenteren Algorithmen vollziehen. Denn damit Algorithmen „lernen“, müssen sie mit validierten Datensequenzen ausgestattet werden, die Behandlungen und Ergebnisse detailliert beschreiben.

„Die Stellenbeschreibung eines Radiologen wird sich ändern. Aber es versteht sich von selbst, dass wir weiterhin Radiologen brauchen werden. Die künstliche Intelligenz wird das medizinische Fachpersonal bei der Erstellung genauerer und effizienterer Diagnosen unterstützen. In Zukunft müssen wir alle mit einer explosionsartigen Zunahme der Datenmengen fertig werden“, sagt Prof. Mathias Goyen, Chief Medical Officer Europe bei GE Healthcare. Ärzte seien deshalb jetzt gefragt, ihre Informationen zu digitalisieren und damit an der cloudbasierten KI-Zusammenarbeit teilzunehmen – und die Chancen zu erkennen, die mit der Digitalisierung des Gesundheitswesens einhergehen. Denn der Patient der Zukunft sei gleichermaßen analog und digital.

Patient der Zukunft: Der digitale Zwilling

Den Patienten der Zukunft vergleicht Prof. Goyen mit dem digitalen Zwilling. Dieser aus der IT entlehnte Begriff beschreibt eine digitale Kopie eines real existierenden Objekts, das mithilfe einer Vielzahl von gesammelten Daten erstellt wird. Bei GE-Healthcare findet dieser Prozess bereits Anwendung: Indem wir Betriebsdaten unserer CT-Geräte sammeln und daraus digitale Zwillinge erstellen, können wir den genauen Reparatur- und Wartungsbedarf jedes Geräts berechnen.

Das Konzept ließe sich, so Prof. Goyen, auch auf die Medizintechnik übertragen. Hier könne man radiologische Daten mit In-vivo- und In-vitro-Daten zusammenführen und daraus einen digitalisierten Patientenzwilling erstellen. Dieser umfassende Datensatz könne außerdem, so Prof. Goyen weiter, Informationen aus der elektronischen Patientenakte und sogar Daten von Smartwatches und Fitness-Trackern beinhalten. Eine Analyse dieser Informationen könne den Arzt ganz erheblich dabei unterstützen, genauere und schnellere Diagnosen und klinische Entscheidungen zu treffen.

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Während die evidenzbasierte Medizin hauptsächlich auf Studien basiert, die für ein großes Kollektiv von Patienten und nicht für Einzelpersonen durchgeführt worden sind, stellt die KI ein Schritt in Richtung Präzisionsmedizin dar – denn mit ihr können individualisierte Datensätze erfasst und verglichen werden.

Aber nicht nur in der Diagnostik können Ärzte von solch einer Datenmenge und ihrer Vernetzung profitieren. Angesichts des Mangels an Fachärzten und medizinischem Personal ergeben sich auch für Krankenhäuser, Arztpraxen und Patienten gleichermaßen ganz erhebliche Vorteile.

Mission Command Centers maximiert Patientenkomfort und klinische Effizienz

Für Ärzte und medizinisches Personal stellen cloudbasierte Lösungen eine enorme Arbeitserleichterung dar, sei es im Bereich der Diagnostik oder anderen relevanten Gesundheitsressourcen wie der Patientenverwaltung. Patienten profitieren hingegen von kürzeren Wartezeiten für Krankenhausaufenthalte, von schnelleren Transfers in andere Einheiten oder Krankenhäuser und von komfortableren Diagnosemaßnahmen.

Nach Angaben der American Medical Association verbringen Ärzte bis zu sechs Stunden am Tag mit elektronischen Gesundheitsakten, ohne eine eigentliche Patientenversorgung zu gewährleisten. Institutionen wie die Oregon Health & Science University (OHSU), die das GE Healthcare Command Center eingeführt haben, verwalten ihre Ressourcen durch den Einsatz von KI-basierten Anwendungen auf einem ganz neuen Effizienzniveau.

Mit Kommandozentralen wie dem GE Command Center ist die Zukunft bereits da. Die KI wird keineswegs die intuitive Expertise eines Humanmediziners und das Wissen von geschultem medizinischem Personal ersetzen. Medizinisches Fachpersonal, das Zugang zu fortgeschrittenen Technologien hat und diese auch einzusetzen weiß, wird jedoch einen enormen Wettbewerbsvorteil genießen.

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Das belegt auch eine aktuelle Entwicklung in der DACH-Region: Betrachtet man die deutschsprachigen Märkte, so zeigt sich, dass es einen zunehmenden Mangel an Personal mit einer medizinischen Ausbildung gibt – insbesondere an Radiologen und medizinisch-technischen Assistenten (MTA). Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach medizinischer Unterstützung weiter.

Diese Entwicklung erhöht den Druck auf Mediziner und Krankenhäuser, die gleichzeitig wirtschaftlich rentabel arbeiten müssen, aber auch eine qualitativ hochwertige Versorgung ihrer Patienten sicherstellen wollen.

Der Einsatz modernster Technologien kann zur Lösung dieser Herausforderungen beitragen, so dass Mediziner und Krankenhäuser in der Lage sein werden, die Lücke zwischen verfügbaren Ressourcen und steigender Nachfrage zu schließen.

Michael Stockhammer ist General Manager bei GE Healthcare Deutschland, Österreich und Schweiz.